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Standort mit Tradition

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Bild: Josephinum - Ethik, Sammlungen und Geschichte der Medizin, MedUni Wien
Im Jahr 1892 übersiedelte die Poliklinik von der Schwarzspanierstraße in die Mariannengasse 10

Ab 2025 halten Medizin und Forschung wieder Einzug in der Wiener Mariannengasse. Eine Rückkehr zu den Wurzeln, denn an diesem Standort waren bereits in der Vergangenheit medizinische Einrichtungen zuhause.

Maria Anna, die Gattin Kaiser Ferdinands I., hätte sich wohl begeistert gezeigt, dass in der zu ihren Ehren benannten Gasse der MedUni Campus Mariannengasse entsteht. Durch die Pflege ihres stets kränklichen Ehemannes entwickelte sie eine Passion für die Medizin. Sie bezeichnete sich selbst als dessen Krankenschwester. Zugleich war sie auch Schutzfrau und Mitstifterin des St. Anna Kinderspitals.

Im sogenannten "Klinikbezirk" am Alsergrund, der sich rund um das alte Allgemeine Krankenhaus erstreckte, siedelten sich naturgemäß viele medizinische Kapazitäten ihrer Zeit an. Sie eröffneten Praxen oder gleich ganze Kliniken. So auch in der Mariannengasse, in der sich einst gleich zwei Krankenanstalten befanden, die gemeinsam so viel Fläche einnahmen wie Hof acht und neun des benachbarten Allgemeinen Krankenhauses.

1892 war die Allgemeine Poliklinik aus der Schwarzspanierstraße an den Standort Mariannengasse 10 übersiedelt. Sie war zwanzig Jahre zuvor von zwölf jungen idealistischen Universitätsassistenten gegründet worden, die einerseits die medizinische Versorgung armer Patienten verbessern und andererseits auch Lehr- und Forschungsarbeit erleichtern wollten. Schon im ersten Jahr wurden 12.000 Patienten kostenlos behandelt – mit diesem Modell war man europaweiter Pionier. Nach und nach entstanden nicht nur Abteilungen, in die Patienten auch stationär aufgenommen werden konnten, sondern aus dem hier 1896 eingeführten "Röntgenkabinett" entwickelte sich 1904 auch das erste Röntgeninstitut Österreichs.

Bild: Josephinum - Ethik, Sammlungen und Geschichte der Medizin, MedUni Wien
Im Jahr 1882 eröffnete in der Mariannengasse 20 das erste Privatsanatorium für chirurgische Eingriffe - das Sanatorium Loew

Wer sich einem chirurgischen Eingriff unterziehen musste und es sich leisten konnte, der begab sich hingegen ins exklusive Sanatorium Loew. Die in ihren Anfängen bescheidene private Krankenanstalt befand sich zunächst im zweiten Bezirk und war von Dr. Heinrich Loew 1859 gegründet worden. Mit der Übersiedlung in die Mariannengasse 20 wurde hier 1882 das erste Privatsanatorium für chirurgische Erkrankungen eröffnet und bis 1906 stetig erweitert. 1905 wagte man mit dem Konzept gar den Börsegang und die Klinik wurde in eine AG umgewandelt. Mit dem Ankauf weiterer Häuser wuchs das Sanatorium rasch und zählte bald zu den weltweit renommiertesten Kliniken. Selbst Mitglieder des Kaiserhauses ließen sich hier behandeln.

Hinzu kamen eine gynäkologisch-geburtshilfliche Abteilung mit 30 Einzelzimmern, OPs, Entbindungs- und Kinderzimmer. Für 50 Krankenschwestern schuf man außerdem Wohnraum. Rund 11.900 m² umfasste das Areal, von dem allerdings nur etwas mehr als ein Drittel tatsächlich verbaut war. Damit war das Sanatorium Loew das größte Privatspital Wiens seiner Zeit.

Beide Kliniken gibt es heute allerdings nicht mehr. 1938 wurde die Stadt Wien Eigentümerin der Poliklinik. Nach Bombentreffern im Zweiten Weltkrieg wurde sie bis 1951 neu aufgebaut und behielt den Klinikbetrieb bis 1991 bei. Danach erfolgte die Umwandlung in ein Pflegeheim und die dessen endgültige Schießung 1998. Am Areal der früheren Poliklinik befinden sich heute Wohnbauten, deren Name "poli.life" heute noch an die frühere Nutzung erinnert, und das Vienna Competence Center.

Das Sanatorium Loew wurde mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten geschlossen; die Familie Loew musste fliehen. 1939 wurde die AG liquidiert, das Haupthaus fiel dem Deutschen Reich zu. Ab 1960 brachte die ÖBB hier einige Abteilungen unter; zeitweise befand sich auch die Generaldirektion an dieser Adresse.

Bilder: Josephinum - Ethik, Sammlungen und Geschichte der Medizin, MedUni Wien